Biennale Interieur in Kortrijk - WELT

2022-05-13 20:15:13 By : Ms. Angelina Bryce

S ie ist ein kleines Highlight in den Terminkalendern der Design- und Architekturbeflissenen: die Biennale Interieur in Kortrijk, Belgien. Eine Autostunde westlich von Brüssel gelegen, hat sich die größte Einrichtungsmesse Belgiens (70.000 Besucher im Jahr 2016) seit ihrem Debüt 1968 einen Namen als Schatzkiste für belgische Brands und besonders die Entdeckung neuer Talente erwiesen. Gleichzeitig war Kortrijk, im Vergleich zu anderen Messen, stets ohne deren Hektik ausgekommen. Hier wird sich, gern bummelnd, eher informiert, als stramm geordert.

Die 26. Ausgabe in diesem Jahr, die am Montag zu Ende ging, versprach eine Neu-Ausrichtung, wollte sich doch eher auf den professionelle Besucher fokussieren. Dieter Van Den Storm, kreativer Koordinator der Biennale, kommentierte: „Wir wollen unsere eigenen Talente feiern.“ Außerdem hatte sich die Biennale-Leitung ein neues Format ausgedacht: Parallel zu der Messe fand ein Design-Festival statt. Schon die hierfür gewählte Location machte neugierig: ein Krankenhaus!

Kränkelt das Design? Im „Sint Maarten Hospital“, 1955 erbaut und seit vergangenem Jahr leer stehend, präsentierten Künstler, Designer und Studenten verschiedener belgischer Hochschulen Ideen und Entwürfe. Gar nicht klinisch der Auftakt: Die niederländische Designerin Sabine Marcelis hatte die Eingangshalle mit einer Installation in einen geradezu warm wirkenden Ort verwandelt. Gelbe Lichtstäbe, in Halbkreisen von der Decke hängend, empfingen die Besucher. Halbrunde Sofas von La Cividina fingen die Form am Boden auf.

Dann wurde es aber doch medizinisch: Wouter Hoste, Keramik-Künstler und ehemaliger Mode-Designer aus Antwerpen, zeigte schmale, hohe Keramikgefäße, Plomben ähnlich, mit Beschriftungen wie „Oxygen“, „Argon“ oder „H“. Dahinter hingen Werke des Malers Floris van Look, unter anderem und besonders passend das Bild „Gyneacoloog“:

Im ersten Stock hatte das Design OP-Säle, gekachelte Behandlungsräume, Patientenzimmer und Flure okkupiert. Oder in ein Labor verwandelt. Die „Howest University College of Applied Sciences“ zeigte ihre Ergebnisse hinsichtlich der Forschung alternativer Materialien. Sie stellte veganes Leder aus schwarzem Tee, Rohrzucker, Apfelessig und Kombucha-Kulturen vor. In der Urologie ermöglichten verspiegelte Podeste eine Rundum-Ansicht der Exponate, darunter Schaukelstuhl „Ernest“ (Thomas Dreezen), dessen Betonrolle im Gestell nicht nur als grafischer Hingucker, sondern auch der Balance dient.

Spitze Schreie drangen aus einem Zimmer, junge Besucherinnen quittierten so die Installation „Digital Breakfast“ von Stéphane Kozik, die aus wackelnden, schnappenden, sich um die eigene Achse drehenden Geschirrteilen bestand. Auch eine Interpretation des wachsenden Eigenlebens der Dinge, jetzt, im digitalen Zeitalter.

Wie viele Handlungen wir uns heute in unserem Alltag von High-Tech-Programmen abnehmen lassen möchten, darum ging es der Konzept-Agentur „Nightingale“, die gemeinsam mit dem Brand DM Depot zu einer „Infusion der Zukunft“ einlud. In einem extrem Instagram-tauglichen Set-up zwischen Reagenzgläsern, OP-Outfits und Besteck-Tabletts, warf ein knapp 20 Sekunden langer Videofilm die Frage auf: Wie smart soll unser Heim sein? Dazu flimmerten im Eiltempo Bilder von supersmarten, programmierten Alltagssituationen über eine Leinwand.

Die Frage nach schlauen Möbeln beantwortet das junge Brand Barh andernorts, in den Hallen der Interieur-Messe, für sich so: „Wir versuchen, so wenig Technik wie irgend möglich in unsere Produkte einzubinden. Unser Ziel ist nicht low-tech, sondern no tech“, erklärt Gründer Rico Bel, dessen kompakte Hocker zum Kippeln einladen und Teil der ersten, kleinen Möbel-Kollektion sind. Bis dato hat Barh ausschließlich Einzelstücke gefertigt, Tische zum Beispiel. Immerhin entpuppte sich darin ein schmaler Messingstab als ausklappbare Leuchte.

Wenn schon Technik, dann aber integriert, ist die Philosophie des Herstellers Basalte, der seine formschönen Lautsprecher mit wohnlichen Stoffen überzieht - wenn gewünscht, in der Farbe der Tapeten oder Vorhänge. Ja, das können die Belgier: Elegante Gemütlichkeit kreieren, gekonnt Rustikales mit Modernität mixen. Doch die großen Überraschungen blieben in diesem Jahr aus, zahlreiche Galerien waren fern geblieben, große Brands ebenso. „Die sind auf der „Orgatec“, munkelte man (die Kölner Büromöbelmesse, längst auch ein Highlight für Inneneinrichter, startet am 23. Oktober).

Ein Lichtblick: die Gewinner der diesjährigen Design-Awards für „Spaces and Objects“. Den ersten Platz teilte sich der belgische Designer Bram Kerkhofs mit dem Studio SCMP Design aus Frankreich. Kerkhofs Serie „Coil“ hatte sich aus der Idee zu einem Raumteiler zu grauen, semi-transparenten Regalen aus Polyethylen- und Latexschnüren, mit einem Gestell aus Stahl, entwickelt. In anderen Farben wird es „Coil“ nicht geben, verriet Bram Kerkhof. Wohl aber arbeite er an weiteren Verfeinerungen, Klipse etwa, die die einzelnen Schnüre bündeln könnten.

Unter den wenigen internationalen Brands: Sem aus Italien, das seine beeindruckende Tafel der „Futuraforma“-Kollektion von Marcante-Testa mitgebracht hatte, in der teils laminierte, teils marmorne Oberflächen verarbeitet sind. Oder das bezaubernde Brand Doris Darling, das mundgeblasene Kugelleuchten in der tschechischen Republik fertigen läßt. Ebenso die französische Firma Ateliers Zelij, die in Marokko Kacheln per Hand fertigen läßt, die sich an Innen- oder Außenwänden zu bunten, grafischen Oberflächen formieren. 

Nein, das Design krankt nicht. Die Messe in Kortrijk aber war dieses Mal keineswegs in Bestform. Und verzeichnet mit knapp 50.000 Besucher deutlich weniger als vor zwei Jahren. Auf fünf, anstelle der bisherigen zehn Tage hatte sich die Leitung geeinigt. Fazit: Die Biennale 2018 war halb so lang – aber auch nur halb so gut.

Die Installationen rund um und in dem St. Maarten Hospital sind an den beiden kommenden Wochenenden noch zu sehen, vom 26. bis zum 28. Oktober und vom 2. bis zum 4. November.

Mehr Design-Geschichten finden Sie unter dem Namen ICONISTdesign auf Facebook und Instagram!

Die WELT als ePaper: Die vollständige Ausgabe steht Ihnen bereits am Vorabend zur Verfügung – so sind Sie immer hochaktuell informiert. Weitere Informationen: http://epaper.welt.de

Der Kurz-Link dieses Artikels lautet: https://www.welt.de/182571504