Geldern Heute startet die Gelderner Kirmes. RP-Volontär Patrick Scherer schaute hinter die Kulissen der glitzernden Märchenwelt. Am Aufbau der Wildwasserbahn "Piraten-Fluss" nahm er aktiv teil.
Fahrgeschäfte üben eine große Faszination auf mich aus. Kirmes oder Freizeitpark, Achter- oder Geisterbahn — da werde ich geistig wieder zum Spielkind. Ich kenne bisher aber nur das glitzernde Endprodukt. Heute lerne ich die schweißtreibende Arbeit, den Grundstein hinter der märchenhaften Traumlandschaft, kennen.
Mario schaut nach oben. Die Zigarette hängt locker im Mundwinkel. Es wird nicht die letzte sein an diesem Tag. Mit beiden Händen greift er nach dem zehn Meter hohen Träger, der mit einem Seil gerade per Kranwagen vom Lkw-Anhänger abgeladen wird. Währenddessen zieht Mario genüsslich am Glimmstengel. Man erkennt sofort, Mario arbeitet hier nicht zum ersten Mal. Die spielerische Leichtigkeit in seinen Bewegungen beeindruckt mich direkt.
Es ist kurz nach 8 Uhr. Am Abend soll die Wildwasserbahn "Piraten-Fluss" auf dem Parkplatz neben Medi Max am Gelderner Nordwall stehen. Die Einweisung erfolgt schnell und unbürokratisch. "Patrick, nimmst Du Seil", sagt Mario in inbrünstig vorgetragenem gebrochenem Deutsch. Bitte und Danke schminke ich mir heute also ab, denke ich. Prompt bin ich Teil des Geschehens. Mit dem Stahlseil, das dem riesigen Träger Stabilität verleihen soll, in der Hand folge ich der nächsten Anweisung und gehe zum ein paar Meter entfernten, bereits befestigten, Träger. "Schraube aufdrehen, fest machen. Zack, zack". Der raue Umgangston fängt an, mir zu gefallen. Werde ich in der Redaktion auch einführen, schießt es mir durch den Kopf, bevor mir zwei Dinge auffallen.
Erstens: Das Seil auf Spannung zu bringen, ist extrem schwer. Bizeps und Trizeps melden sich zum ersten Mal. Ich versuche, mir keine Schwäche anmerken zu lassen. Der Journalist kann auch anpacken, sollen Mario und Co denken. Dann folgt die zweite, eine sehr enttäuschende, Entdeckung: Die Träger sehen zwar so aus, sind aber keineswegs aus Holz. Verzinktes Eisen im Holzdesign. Mehr Schein als Sein also. Schade.
Sechs Angestellte bauen die 150 Tonnen schwere Achterbahn auf. Ich bin heute Nummer sieben. Nachdem die Träger stehen, kommen die Wannenstücke dran. War ich mit meiner Leistung bisher zufrieden, komme ich nun ins Grübeln. Immer wieder muss Mario mir assistieren. Ich bin einfach zu langsam — manchmal auch zu schwach. Marios Handgriffe sitzen wie bei einem perfekt eingestellten Roboter. Während ich zum wiederholten Male mit der Angst kämpfe, meine Finger zu quetschen und daher meine berufliche Zukunft schon in Gefahr sehe, klettert Mario ungesichert immer höher. "Viel Spaß. Jetzt bin ich raus", rufe ich ihm zu. "Zu hoch?", fragt Mario. Ich nicke und ernte einen hämischen Blick.
Am Abend steht das Fahrgeschäft. Am Mittwoch wird abgebaut, Donnerstag geht es nach Annaberg ins Erzgebirge. "Immer weiter, immer weiter", sagt Mario und macht sich die nächste Zigarette an.
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